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Die Post im Westallgäu

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Vorarlberg unter bayerischer Besetzung
1806 - 1814

von Dr. Anton Gruber

Quelle: Westallgäuer Heimatblätter Juli 1929,
2. Band, S. 177

Wenn am Tage der feierlichen Uebergabe Vorarlbergs an Bayern am 13. 3. 1806 im Gasthaus zum goldenen Löwen zu Bregenz der bayerische Extraditionskommissär v.Mertz eingangs seiner hochamtlichen Rede erwähnte: "Wir leben in dem merkwürdigsten Zeitabschnitte. Es ist unsere Bestimmung mehr oder minder beteiligte Zeitgenossen außerordentlicher geschichtlicher Erscheinungen zu sein, wobei der einzelne nicht mehr seinem Vaterlande allein und das Zeitereignis selbst nicht mehr dem Jahrhundert anzugehören scheint, in dem es sich zugetragen hat", so klingen diese Worte wie ein begütigende, entschuldigende Erklärung für den völkerkränkenden Länderschacher, den Napoleon betrieb, der, obwohl ein Sohn der Revolution, doch als der letzte Vertreter der absolutistischen Kabinettspolitik angesprochen werden muss.

Sein Grundgedanke dem völlig ohnmächtig gewordenen deutschen Reich gegenüber war ja: Beseitigung der kleinen, österreichfreundlichen Reichsstände, besonders der geistlichen, aber auch der Grafschaften, Herrschaften und Reichsstädte, dafür Schaffung lebensfähiger Mittelstaaten, zu schwach sich gegen Frankreich zu wenden, doch stark genug Frankreichs Stellung gegen Österreich zu festigen. Aus diesen neuen Territorien gestaltete er jene troisième Allemagne (im Gegensatz zu Preußen und Oesterreich) , den Rheinbund, der eine immerhin noch gefürchtete deutsche Einigung unmöglich machen sollte.

Die 16 Rheinbundstaaten sagten sich vom Reiche los und das Kaisertum hatte allgemach jeden Boden verloren. Unter ihnen waren Bayern, Württemberg, Baden. Bayern mit seiner beachtenswerten Militärmacht ward von Napoleon eine besondere Aufgabe, aber auch eine besondere Belohnung zugedacht. Die national eingestellte zeitgenössische Geschichtsschreibung Preußens (Treitschke) und Oesterreichs haben Bayern seine damalige Politik übel verdacht. Ernst Moritz Arndt urteilt noch nach der großen Schwenkung Bayerns im Vertrag von Ried (8. 10. 1813) hämisch: "Bayern hat nicht mehr getan, als daß es der deutschen Sache erst dann beitrat, nachdem diese durch den Sieg bei Leipzig längst gerettet war." Indes war man, während die Regierungskreise französische Politik trieben, im Volke mit dem Herzen deutsch und Frh. v Stein zweifellos ein Kronzeuge, schreibt am 27. 3. 1813 an einen Freund: "Man denkt in München ebenso deutsch wie anderwärts, auch wenn man Beweggründe hätte, bei den jetzigen französischen Verbindungen stehen zu bleiben." Und solcher Beweggründe gab es leider sehr viele.

An Bayerns Rheinbundpolitik einen nationalen Wertmesser anzulegen in einer Zeit, da die deutschen Staaten ausnahmslos ihre besonderen Wege gingen, da alle politischen und staatlichen Rechtsverhältnisse im Flusse waren, würde keiner sachlichen Würdigung entsprechen. Damals, wo Bayern in seiner Existenz oder wenigstens in seinem Umfang bedroht, wo derjenige, der des Reiches Krone trug, der größte Feind von Bayerns Selbstständigkeit war, gab es in unserem engeren Vaterlande keine nationale, sondern nur eine bayerische Aufgabe zu lösen. Und die Politik des leitenden Ministers Montgelas war denn auch gewiß nicht deutsch, aber ebensowenig französisch, vielmehr ausschließlich territorial bayerisch. Ihm war es einzig und allein um die Gründung der Bayerischen Souveränität zu tun. Ihr allein galten, wie Montgelas am 28. 9. 1814 bekennt, Bayerns Anstrengungen, Taten und Leiden. Schon 1806 las man in einer Flugschrift: "Der Zeitgeist bringt es mit sich, dass die stärkeren deutschen Reichsstände darnach trachten müssen, ihre Landeshoheit zur Souveränität zu erweitern, mithin sich von Kaiser und Reich freizumachen... Die Opfer der neuen Ordnung sind zu beklagen, aber der neuzeitliche Entwicklungsprozess ist nicht aufzuhalten."

Wenn man Bayern Franzosenpolitik vorwirft, pflegt man zu verschweigen, was es vom Wiener Kaiserhofe erfahren hatte. Kaiser Joseph II. wollte 1777 den mit dem Hinscheiden Maximilians III. Joseph von Bayern notwendig gewordenen Thronwechsel dazu benützen um einen Ersatz für den Verlust Schlesiens zu schaffen. Der neue Kurfürst, Karl Theodor von der Pfalz, hatte sich zu einer Preisgabe Niederbayerns u. eines Teiles der Oberpfalz an Oesterreich bereit finden lassen. Wenige Jahre später willigte er in einen Umtausch Bayerns gegen die österreichischen Niederlande ein. Wenn aus diesen Händeln nichts wurde, so war es einzig und allein Friedrich dem Großen zu danken, der damals in der zunächst an ihm befremdenden Rolle eines Beschützers der Reichsverfassung für die Integrität der Reichsstände eintrat.

Die Enthüllungen des französischen Direktoriums über geheime Artikel vom Campo Formio überzeugten den bayerischen Hof, dass der österreichische Minister Thugut darauf ausgehe, Bayern, Oesterreichs alten Bundesgenossen, um seine Selbstständigkeit zu bringen. Und im Jahre 1801 erfuhr man durch ein Memoire des Grafen Trautmannsdorf, es sei der Wunsch Oesterreichs, dass für den habsburgischen Großherzog von Toskana aus den benachbarten Bistümern Salzburg und Passau ein Staat gebildet und auf Kosten Bayerns bis an die Isar vorgeschoben werde, dass also die Hälfte Bayerns an das Haus Oesterreich falle. Kein Wunder, wenn man damals in Bayern, da außerdem das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des nicht ganz ohne eigenes Verschulden von schweren Katastrophen heimgesuchten Preußen, dessen Emissäre in Bayern die Bekehrung von Wilden als ihre Aufgabe ansahen, geschwunden war, wenn man damals nach Frankreich als dem Bürgen für Existenz und Integrität hinblickte und wenn namentlich Montgelas einem Anschluss an Frankreich das Wort redete. Bayern sah eben Europas Lage nicht von Wien oder von Berlin, sondern von München aus. Gewiß war man sich bei alledem auch in Bayern der jammervollen politischen und wirtschaftlichen Zustände bewusst; diese Stimmung wurde geschürt durch Flugschriften, am meisten durch die Schrift: "Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung", die dann dem Buchhändler Palm das Leben kostete.

Die ersten Früchte seiner Politik erblühten für Bayern im Reichsdeputationshauptschluss 1803, bestehend in einem gewaltigen Gebietszuwachs, darunter auch Kempten, Memmingen, Kaufbeuren.

Napoleon hatte weiter die Verpflichtung übernommen, dass der Kaiser von Deutschland und Oesterreich (!) bei einem späteren Friedenschlusse abtrete die Markgrafschaft Burgau mit allem Zubehör, die 7 Herrschaften von Vorarlberg mit ihren Enklaven, die Grafschaften Hohenems, Tettnang und Argen, die Grafschaften Königsegg, Rothenfels und Isny, endlich die Herrschaft Lindau.

Und dieser Friede kam. In Preßburg erhielten am 26. Dez. 1805 die Brünner Verträge vom 15. und 17. Dez. 1805 endgültige Form. Reiche Beute war Bayern in den Schoß gefallen. Neben territorielem Gewinn, worunter die gefürstete Grafschaft Tirol, Lindau, die 7 Vorarlberger Herrschaften, brachte der Preßburger Friede auch eine Standeserhöhung: der alte bayerische Königstraum war in Erfüllung gegangen. Die Zusammenstellung "7 Vorarlberger Herrschaften" kommt früher nicht vor. Die Nachweisung dieser 7 Territorien ist nicht ganz einfach, auch an Hand der Vorarlberger Karte von Blasius Huber vom Jahre 1773 (Landesarchiv Bregenz) nicht. Jedenfalls gehörte Hohenegg, Grünenbach, Simmerberg, Altenburg, Kelhöf zur Grafschaft Bregenz. Ueber die Grenzen zwischen Altenburg, Kelhöf und Simmerberg dagegen, die durchaus nicht etwa den heutigen Grenzen der Gemeinden Weiler, Simmerberg, Lindenberg, Scheidegg, Scheffau entsprechen, gibt diese Karte genaue Angaben. So gehörte Niederstaufen, Opfenbach, Heimenkirch zum Gericht Simmerberg, Rittele, Scheidegg, Bieslings, Kienberg, Neuhaus, Allmansried, Nadenberg, Goßholz, Weihers, Manzen zu Kelhöf, das Gericht Altenburg umschloss Teile von Simmerberg, Weiler, soweit diese nicht zum gleichnamigen Kelhof gehörte,Lindenberg, Scheffau und Teile von Scheidegg (Forstenhäuser, Schalkenried, Rorgenmoos, Forst, Ebenschwand).

Der am 26. 12. 1805 geschlossene Friede war zwar lang ersehnt, aber man konnte seiner in Oesterreichs Landen, die den Herrscher wechselten, nicht recht froh werden. Und je mehr man sich seiner Tragweite besann, desto mehr schwang das Gefühl der Friedensfreude in bald leise bald lauter sich äußernde Trauer um.

Bevor noch die in Art. VIII des Preßburger Friedens ausgesprochene Übergabe durch ein Besitzergreifungspatent öffentlich verkündet wurde (dies geschah anfangs Febr. 1806) ließ Montgelas durch einige Kompanien des 6. bay. leichten Inf.-Batallions von Weinbach Bregenz besetzen. Der Landeskommissär Preuß aus Kempten, der an ihrer Spitze stand, ließ durch das Oberamt Bregenz das Vorarlberger Land von dem Wandel der Dinge in Kenntnis setzen und sprach die zuversichtliche Hoffnung aus, dass Amtspersonen und Untertanen freiwillig den Befehlen der neuen Regierung schuldigen Gehorsam, den Truppen die gebührende Achtung erweisen und die Regierung der ihren Grundsätzen widerstrebenden Notwendigkeit, den höchsten Beschlüssen mit Achtung Nachdruck zu verschaffen, entheben.

Der Landvogt Franz v. Vintler brachte dann auch das vollzogene Ereignis zur Kenntnisnahme. Die bisherigen Beamten legten jedoch einstweilen mit Berufung auf ihren Diensteid feierliche Verwahrung ein, falls aus ihrem Verhalten, wozu die Notlage sie zwinge, für ihren bisherigen Landesherrn Nachteil erwachse. Da von der offiziellen Besitzergreifung und Einorganisierung des Landes in den bayerischen Verwaltungsapparat der neue Herr keinen rechten Einfluss auf die Landesverwaltung gewinnen konnte, andererseits die österreichischen Oberbehörden, die infolge der entfernten Lage und eigenartigen Verfassung Vorarlbergs - einzelne Herrschaften waren nicht viel anders eingerichtet als selbstständige Bauernrepubliken - da draußen immer schon mit großzügiger Nachsicht verfuhren, jetzt vollends lahmgelegt wurden, lockerten sich damals alle Zügel der Ordnung. Noch im Januar 1806 wurde von den Vorarlberger Konferenzialständen eine Abordnung am Münchner Hof vorstellig um dem König die erste Huldigung der neuen Untertanen zu unterbreiten, die Beibehaltung der alten Verfassung zu empfehlen und zu bitten, man möchte der Vorarlberger Baumwollindustrie die gleiche Fürsorge angedeihen lassen wie bisher Oesterreich.

Auch ersuchte man um Nachsicht wegen Abtragung der Kriegslasten. Die Boten kehrten mit Zuversicht heim. Max I. hatte sie unter Anerkennung ihrer dankbaren Gesinnung gegen das frühere Herrscherhaus und der königlichen Versicherung möglichster Förderung des Vorarlberger Wohlstandes entlassen. Der als bay. Hofkommissär bestellte Reichsgraf v. Arco hatte mittlerweile die feierliche Übergabe des Landes auf den 12. März 1806 festgesetzt.

 

Da er jedoch selbst keine Zeit fand, erschien an seiner statt der Leiter der schwäbischen Landesdirektion Balth. v. Mertz in Begleitung des französischen Bevollmächtigten, des Musterungsinspektors Villemancy zur Erledigung der ernsten Aufgabe. Wegen württembergischer Ansprüche auf Blumenegg trat in letzter Stunde eine Verzögerung ein und die Übergabe fand dann in Gegenwart aller bisherigen Beamten und der angesehensten Vertreter der Stände am 13. März 1806 im "Goldenen Löwen", dem bekannten Gasthaus an der Rathausstraße statt, in dessen Stiegenhaus heute noch eine Tafel an jenen denkwürdigen Vorgang erinnert. Auf ihr steht: "In diesem Hause fand am 13. März 1806 die feierliche Übergabe des Landes Vorarlberg an Bayern statt." Den Akt leitete eine Rede Villemancys ein, die nicht dazu angetan war, den Österreichern die Stunde zu erleichtern. Er meinte, Österreichs Politik sei ein Hindernis gewesen, das den Interessen des gewerbefleißigen Volkes stets hemmend in den Weg getreten sei. Nach ihm sprachen Landeskommissär Preuß, Landesdirektor v. Mertz und der österreichische Landvogt v. Vintler, der, innerlich tief erregt, durch den pietätvollen Hinweis auf ein 5 Jahrhunderte altes und nun zerrissenes Band seinen Landsleuten ans Herz griff. Er schloss mit der Bitte um Förderung der einzigen Erwerbsquelle des Landes, der Industrie.

An den weltlichen Akt schloss sich ein Gottesdienst mit Tedeum an. In der Predigt gedachte der Stadtpfarrer Jak. Liberat Steger wiederum des Hauses Habsburg und in der Kirch hatte man erst recht das Gefühl, als ob mit dem alten Vorarlberg auch ein altes Glück zu Gtabe getragen werde. Im Laufe des tages war überall in Bregenz das bayer. Besitzergreifungspatent angeschlagen worden. Der Doppeladler verschwand und an seine Stelle trat das bayerische Wappenschild. Abends fand eine Serenade statt, zu der die "Bande" des Bataillons "von Weinbach" die Musik stellte.Wenn man auch in Bregenz den Tag mehr als Trauerfeier beging denn als Freudenfest, so konnten doch die bisherigen Versicherungen des bayerischen Königs wiederum die Hoffnung erwecken, dass die Geschicke des Landes in die Hände eines väterlich besorgten, gütigen Fürsten gelegt seien. Die Übergabeakten sind gesammelt im Bayer. Geh. Staatsarchiv unter dem Titel: Ein Heft betr. die Übergabe der Länder Vorarlbergs mit allen Graf- und Herrschaften infolge des Preßburger Friedens an die Krone Bayern

Abends reisten die Vertreter .der neuen Herrschaft nach Lindau ab um diese Stadt in bayerischen Besitz zu nehmen, sie wurden von den Beamten und Ständevertretern bis an die Landesgrenze an der Laiblach geleitet.

Wie gestalteten sich nun die Schicksale Vorarlbergs unter Bayerns Krone?

Die von Napoleons Gnaden entstandenen französischen Vasallenstaaten glichen sich auch innerlich rasch an das System des Empire an, das gipfelte in straffer Zentralisation der Verwaltung im Bekenntnis zu französischen Rechtsanschauungen und in der Aufklärung. Schranken, die eine Jahrhunderte alte Übung in Staat, Kirche, Gesellschaft und Wirtschaft aufgerichtet hatten, begannen zu fallen. Es erfolgte ein Übergang von der feudalen Ordnung zur Rechtsgleichheit. Der Sturmwind, der durch die Lande ging, wehte um so heftiger in Ländern, die wie Vorarlberg in ein neues Regime einzugliedern waren.

Das Ländchen wurde aus geographisch sich ergebenden Gründen zunächst Schwaben und dann folgerichtig unter den 15 im Jahre 1808 eingerichteten, 1810 auf 9 eingeschränkten Kreisen oder Generalkommissariaten dem Illerkreise angegliedert und alsbald in 7 Landgerichtsbezirke eingeteilt: 1.Weiler (13975 Einwohner), 2.Bregenz, 3.Inner-Bregenzerwald, 4.Dornbirn, 5.Feldkirch, 6.Sonnenberg, 7.Montafon. Dazu kamen 2 Rentamtsbezirke und 2 Stadtgerichte in Bregenz und Feldkirch. Im Jahre 1808 verschwand die alte landständische Verfassung zufolge der am 1. Mai 1808 nach Napoleons Wunsche eingeführten Konstitution, die vornehmlich die Gleichheit aller Untertanen vor dem Gesetz, bei der Bewerbung um Ämter, bei der Verteilung der Staatslasten, die Aufhebung der Leibeigenschaft u. Tortur, sowie die Gewissensfreiheit garantierte.

Die Neuorganisation des Beamtentums mit strengen Vorschriften über Studiengang, Vorbereitungsdienst, Staatsprüfung, Qualifikation, Visitationen, die Umwandlung der landesherrlichen Diener in Staatsdiener, die Abschaffung der auf mittelalterliche Anschauungen und Gepflogenheiten zurückgehenden Gerichtsverfassung, die trotz oder auch wegen ihres ehrwürdigen Alters vielfach uneinheitlich und unzweckmäßig geworden war, wurde von den Vorarlbergern, die der fernen Wiener Regierung in trotzigen Selbstbewußtsein im Laufe der Jahrhunderte eine Art von Selbstverwaltungsrecht abgerungen hatten, als lästige Neuerung empfunden, dies umsomehr, als hievon auch die Wirtschaft nachteilig berührt wurde. Wenn auch nach Möglichkeit Einheimische in den bayerischen Staatsdienst übernommen wurden, gaben doch unglückliche Griffe in der Besetzung der Ämter dazu Anlass, den Vorarlbergern die neue Regierung zu vergällen. Dass trotz der auf den Code Napoleon gegründeten Rechtsgleichheit noch grobe Willkürlichkeiten vorkamen, beweist der Umstand, dass Landrichter Beer in Weiler gelegentlich eines Skandalprozesses gegen den unwürdigen Pfarrer Ruchte von Gestratz Bauern solange hinter Schloss Riegel verwahren ließ, bis sie sich zu einer ihm genehmen Aussage gefügig zeigten. Der verhasste Landrichter wurde später während des großen Aufstandes verhaftet und hätte vielleicht mit dem Leben gebüßt, wenn ihn nicht Dr. Anton Schneider großmütig nach Röthenbach gerettet hätte.

Die Reform des Steuerwesens ging wegen der zeitraubenden Vorarbeiten langsam vor sich, das Endergebis war aber eine beträchtliche Erhöhung des Steuer-Solls. Man führte die allgemeine Steuerpflicht ein und ersetzte die bisher in den alten und neuen Provinzen bestehenden Abgaben durch 4 direkte Steuern: Grund-, Haus-, Gewerbe- und Dominikalsteuer (einer besonderen Art der Besteuerung von Grundgefällen). Wie sich das neue Steuersystem in Vorarlberg auswirkte, das mögen wir aus einer später noch einmal erwähnten Eingabe der Vorsteher aus dem Landgerichtsbezirk Weiler an den Generalkommissär von Stichaner in Kempten vom 26. 6. 1814 ersehen, wo es u.a. heißt: "Das Postulat (die einzige eigentliche Abgabe an das Reich) bestand in Vorarlberg ca. in 40 000 fl. Jetzt zahlt das Landgericht Weiler allein soviel, wenn man alle Steuern, den Stempel, die Taxen, die Mautgefälle, den Salzaufschlag zusammensummiert." In demselben Gesuch (Archiv für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs IV. S. 51 ff.) lesen wir übrigens eine Klage, die uns zeigt, dass schon damals die Gemeinden ihre liebe Not mit den vorgeordneten Dienstesstellen zu haben glaubten: "Jetzt sind den Vorstehern durch die Kommunalverwaltung die Hände gebunden, sie sind zur Unmündigkeit herabgewürdigt und zum Gelächter der Gemeindemitglieder gemacht ... Der Vorsteher muss durch das beständige Tabellarisieren, Vorschlagen und Berichten den Gemeindemitgliedern große Kosten verursachen.

In den kriegerischen Zeiten wandte der Staat seiner militärischen Leistungsfähigkeit ein besonders sorgfältiges Augenmerk zu. An Stelle des bisherigen Werbesystems trat das Konskriptionssystem und damit wurde die Heeresverfassung auf die Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht gestellt. Umsonst wies eine Vorstellung der Vorarlberger an den König vom 8. Sept. 1806 auf die schweren Nachteile der Truppenaushebungen für das wirtschaftliche Leben hin, da so der Industrie eine große Anzahl fleißiger Hände entzogen werde. Die Gärung und der Unwille des Volkes über das neue Reglement wuchs und schon 1807 hatte die bayerische Regierung Mühe, den infolge einer Rekrutenaushebung in Krumbach im Wald ausgebrochenen Weiberaufstand mit Waffen zu unterdrücken. Wenn sich aber Zündstoff zur Entfachung der Unzufriedenheit im Lande häufte, so war daran nicht lediglich das Verwaltungssystem schuld, sondern auch die wachsende Wirtschaftskrise.

Die Sorge um das tägliche Brot beschäftigt naturgemäß die breiten Schichten des Volkes mehr als politische Fragen. In Vorarlberg waren Vieh- und Milchwirtschaft seit Jahrhunderten zurückgegangen, deren gering gewordener Ertrag dann im Oberland durch Weinbau ergänzt wurde. Ein Teil der Männer zog auch wie die italienischen Erd- und Bauarbeiter unserer Vorkriegszeit ins Ausland, in die Schweiz und ins Elsaß, um dort Geld zu verdienen. Es mag als großer wirtschaftlicher Fortschritt bezeichnet werden, wenn in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts die Baumwollindustrie in Vorarlberg eingeführt wurde. Sie bestand im Veredelungsverfahren. Aus den nachbarkantonen der Schweiz wurden die Rohstoffe bezogen, dorthin die Fertigware abgeliefert. Später betrieben die Vorarlberger dann die Industrie selbstständig und fanden allenthalben in Österreich Absatz. Im Rheintal und im Bregenzerwald blühten Spinnerei und Weberei, Im Bregenzerwald auch Stickerei. Der Preßburger Friede errichtete nun gegen Österreich eine Zollgrenze. Die Unterbindung des Exports nach Italien durch Napoleon, die Folgen der Kontinentalsperre, hohe Zölle auf Ein- und Ausfuhr von und nach der Schweiz ließen diese Erwerbsquelle versiegen. Eine Anregung, durch Handelsverträge mit Österreich und Italien Absatzgebiete zu sichern, wurde zwar in München zur Erwägung entgegengenommen, aber dann durch dauernde Kriegswirren unmöglich gemacht. Die Aussichten in der Handelspolitik sollten sich erst bessern, als für Vorarlberg die bayerische Zeit zur Neige ging.

Besonders feines Taktgefühl hätte die Behandlung der heiklen religiösen Frage in dem von kirchlichen Kreisen stark beeinflussten Vorarlberg erheischt.

In Bayern hatte der Geist rationalistischer Aufklärung deutlich ausgeprägte, greifbare Formen angenommen, obwohl seinerzeit Karl Theodor gegen den Illuminatenorden, an den sich sogar Kleriker angeschlossen hatten, scharf eingeschritten war. Das Schlusswort des Übergabekommissärs v. Mertz in seiner Bregenzer Rede am 13. 3. 1806, es sei dem neuen Herrscher ein Bedürfnis, das biedere Volk mit allen Segnungen einer humanitären und aufgeklärten Regierung zu beglücken, konnte kaum einen Zweifel übrig lassen, wessen man sich in Kultusfragen zu versehen habe. In der Tat übernahm die Staatsregierung sogleich die Sorge für Ausbildung, Ernennung und Besoldung der Geistlichen. Das allein schon führte zu einem schweren Konflikt mit den Churer Fürstbischof, mit dem sich viele Vorarlberger Geistliche solidarisch erklärten.

 

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