Bayernsammlers Home  
www.bayernsammler.de

Steuerungselement zur Seitennavigation

Die Post im Westallgäu

Seite 37

 
 
 
 
 
 
         
 
 
 
 
 
 
Archiv-Bestand......
Impressum...........
 
Free counter and web stats
 
Hochzeitsbilder,
die sich von der Masse unterscheiden, dafür setzt Lisa Feldmann Kreativität, Natürlichkeit und eine ausdrucksstarke Bildsprache ein.
www.just-married-foto.de
 
STEINFELD fotografie
mode, accessoires, schmuck, schuhe
 
BILDRÄUME architekturfotografie
 
 

Meine Realschulmathe

Meine Luther-Genealogie

Meine Gedichte

 
 
 
 
 
 

Vorarlberg unter bayerischer Besetzung
1806 - 1814

von Dr. Anton Gruber
(1. Fortsetzung)

In unserer Zeit, wo man gelernt hat Gewissensfreiheit, freies Bekenntnis religiöser Überzeugung als Selbstverständlichkeiten zu achten, mag ein königlicher Befehl vom 14. 4. 1806 befremdlich erscheinen, in dem Rorate-Ämter, Prozessionen, Wallfahrten, Wetterläuten, Karwoche-Zeremonien verboten, religiöse Bruderschaften aufgelöst, das Glockengeläute eingeschränkt, Feldkapellen geschlossen wurden. Eine zur Einrichtung der Vorarlberger Verwaltung eingesetzte Kommission mit dem Amtssitz in Mehrerau befasste sich auch mit Säkularisationfragen. Zum ersten Opfer wurde ihr Amtssitz. Am 1. 9. 1806 hatte das berühmte Benediktiner Stift nach einer 700jährigen Geschichte aufgehört zu bestehen. Die Patres durften noch bis nächsten Februar verbleiben. Das umfangreiche Klostergebäude hätte die bayerische Regierung gerne an ein Fabtikunternehmen verkauft, fand jedoch keinen Liebhaber. Niemand war gewillt, in jenen unruhigen Zeiten größere Kapitalien in wirtschaftliche Wagnisse zu stecken; so kam es schließlich zu einer Versteigerung der Klosterbaulichkeiten samt Kirche. Die Kirche wurde abgebrochen und die Steine zum Hafenbau in Lindau verwendet, die Bibliothek zum Teil verbrannt, zum Teil von Bauern der Umgebung verschleppt.

Was wollte man sich wundern, wenn selbst bayerische Regierungsvertreter wie Montgelas (in seinen Denkwürdigkeiten) sich ungünstig über bayerische Regierungsmaßnahmen in Vorarlberg auslassen? Vielsagend vollends ist ein Gesamturteil von Gravenreuths in einem amtlichen Berichte an den Staatsminister vom 30. 7. 1807: "Abgerissen von einer seit Jahren teuer gewordenen Herrschaft sieht Vorarlberg seine Auflagen auf verschiedene Weise vermehrt, die Konskription eingeführt, seine ständische Verfassung angegriffen, seine ehemaligen Religionsbegriffe zum Teil über den Haufen geworfen und seine Hauptnahrungszweige, die verschiedenen Fabriken, zerstört. Bei Ausbruch eines Krieges mit Österreich, der nicht mehr lange auf sich warten lassen dürfte, wird daher Wachsamkeit sehr notwendig sein."

Und dieser Krieg kam.

Nach einer kurzen Ruhe erhob Österreich, von allen Staaten des Festlandes verlassen, mit einem Mut, der eines glücklicheren Erfolges würdig war, für Deutschlands, ja für Europas Selbstständigkeit und Ehre die Waffen. Erzherzog Karl wandte sich an seine Truppen mit den Worten: "Die Freiheit Eueopas hat sich unter eure Fahnen geflüchtet." Bayern, durch seine geographische Lage zur Teilnahme auch an diesem Kriege gezwungen, durch die Rheinbundsakte und die Verhältnisse Süddeutschlands in jener Zeit tiefster nationaler Erniedrigung [Achtung! Dieser Artikel wurde 1927 geschrieben! Auch ein Dr. Gruber würde solches heute nicht mehr schreiben.] an Frankreich gefesselt, folgte wieder dem Franzosenkaiser, wenngleich das Volk im allgemeinen für das alte deutsche Kaiserhaus fühlte. Mein hochverehrter Lehrer Erz. v. Heigel berichtet denn auch in den "Erinnerungen eines alten Soldaten aus den Feldzügen 1809/1815" (Geschichtliche Bilder und Skizzen, ersch. 1897) folgende Äußerung: "Der bayerische Soldat hat zwar von deutscher Ehre und deutscher Pflicht keine klare Vorstellung, doch ist ihm nicht zweifelhaft, dass Bayern durch seinen Eintritt in den Rheinbund in eine falsche, unwürdige Stellung geraten sei." [Man beachte! Auch hier spricht das nationale Pathos des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts] Sehr bezeichnend für die innere Einstellung gegen die Tiroler und ihren rebellierenden, vom Heldennimbus umwobenen Führer Andreas Hofer ist, dass König Max nach Nachricht von dessen Tode einem in sein Gemach Eintretenden zurief: "Denken Sie sich, sie haben mir den Hofer erschossen!"

Den großen Kampf für das Kaisertum eröffnete Tirol mit dem Aufstand gegen Napoleon und die mißliebige bayerische Herrschaft. In Tirol war die Auflehnung sorgfältig vorbereitet, nicht ohne ständige Fühlungnahme nach Wien. Ausgezeichnete, auf archivalischen Studien beruhende Aufschlüsse hierüber bietet uns Hirn in seinen beiden genannten Werken. Nach der Schlacht bei Aspern (1809) wo zum erstenmal den Kriegstriumphen Napoleons Halt geboten wurde, gab Franz I. in Wolkersdorf die feierliche Versicherung, dass Tirol und Vorarlberg nie mehr von Österreich getrennt und nur unter dieser Bedingung Friede geschlossen würde.

Die Wellen der gewaltigen nationalen Bewegung, in der man das Letzte aufs Spiel setzte, schlugen bis in das Vorarlberger Ländchen hinaus. Allerdings hielt man sich im Unterland, am Bodensee, in wohlhabenden Bürgerkreisen, namentlich auch im Klerus, aus begreiflichen Gründen, wegen der Nähe des Feindes, scheu und vorsichtig zurück. Der gemeine Mann, der Bauer, war es schließlich, der in tollem Wagemut auch die zaghaften Bürger mit sich fortriss. Die Vorarlberger traf das Drama im ganzen im Gegensatz zu Tirol unvorbereitet und deshalb fehlte es an besonner Führung. Doch herrschte eine schwüle Atmosphäre. Nach Möglichkeit suchten die bayerischen Behörden zu dämpfen, die Landrichter wollten beschwichtigen. Unbeliebte Beamte wurden versetzt, rückständige Pensionen an frühere Landschaftsbeamte ausbezahlt, die Gehälter der Geistlichen erhöht, drückende Exekutionen hörten auf. Doch all das erschien verspätet. Vorsichtige Amtsberichte an die Zentralbehörden ließen befürchten, dass der verhängnisvolle Augenblick, wo das glimmende Feuer auflodere, auch in Vorarlberg nahegerückt sei. Keck trugen die Anhänger Österreichs die silbernen Denkmünzen zur Schau, die sie sich in früheren Kämpfen verdient hatten. Da und dort gellte einem bayerischen Beamten ein Hoch auf Kaiser Franz in die Ohren. Eines Verbotes, das dem Belagerungszustand gleichkam, ungeachtet wurde überall der Tiroler Aufstand besprochen. Die vorbereitende Organisation der Vorarlberger Erhebung knüpft sich an die Namen Camihel, Riedmiller, Kronenwirt in Bludenz, und Nachbauer, letzterer früher Lehrer in seiner Heimat Brederis bei Rankweil. Er war wohl der fähigste der Freischarenoffiziere im bäuerlichen Schützenkittel.

Die Brennpunkte der Bewegung waren Rankweil und Dornbirn. Die recht und schlecht militarisierten Scharen drangen aus dem Oberland an den Bodensee vor. In Lindau entstand angesichts der drohenden Gefahr eine arge Panik, in Bregenz wurden die bayerischen Kassen beschlagnahmt und versiegelt, die Beamten verpflichtet, die Geschäfte auf österreichische Rechnung weiterzuführen, neue Rechnungsbücher anzufangen und den Verkehr mit den bayerischen Behörden abzubrechen. Der etwas ungestüme Camihel fand für seine Absicht, mit der Bregenzer Bürgergarde Lindau heimzususchen, keine rechte Unterstützung: Man wollte keinen Bürgerkrieg beginnen.

Da trat ein kluger, ruhiger und aufrechter Mann auf den Plan, der bestimmt war, in diesen schweren Zeiten ein Führer seiner Landsleute zu werden: Advokat Dr. Anton Schneider, geb. 1770 zu Trogen bei Weiler als Sohn eines ärml. Chirurgen (Baders). Freimütig brachte er die Stimmung der Vorarlberger auch vor den Stufen des Thrones zum Ausdruck. So gefährlich erschien sein planvolles, der Staatsregierung aber nicht zuträgliches Arbeiten, dass er gelegentlich zu 45 Tagen Haft verurteilt wurde. Er wurde trotzdem Landeskommissär, Generalkommissär, später K. k. Appellationsrat in Wien. Das dankbare Vorarlberg hat dem furchtlosen Mann, der den Grundstein zur Befreiung von fremder Herrschaft legte, vor dem Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz ein Denkmal errichtet, auf dessen Sockel auch die Namen seiner militärischen Mitarbeiter verzeichnet sind. Verheiratet war er mit der Tochter des Bürgermeisters und Bäckermeisters Sauser in Bregenz, dessen Anwesen (Susarbeck) wir alle kennen.

Die Unruhen in Vorarlberg wirkten hinaus bis in das ebenfalls unter Zwang bayerisch gewordene Tettnang und im Landgericht Weiler warben der Adlerwirt Müller von Bludenz für den Anschluss an die Freiheitssache. Ihm nachgeschickte Schützen sollten seinem Auftreten mehr Gewicht geben. Seine Werbearbeit war von Erfog begleitet, wenn auch die Bewaffnung der gewonnen Anhänger nicht mit der gewünschten Schnelligkeit vor sich ging, da Landrichter Beer unter dem Schutz der bayerisch-französischen Garnison den Bauern ihre Kriegausrüstung weggenommen hatte. Die Stimmung war im allgemeinen aber ebenso wenig bayernfreundlich wie weiter westlich. Man stand unter dem politischen Einfluss des Vorarlberger Oberlandes. Nur schwer hatten sich unsere Vorfahren von Österreich getrennt und fühlten sich als Mussbayern. Mein eigener Urgroßvater Gebh. Sinz in Scheidegg war zum Freischarenhauptmann erwählt worden und führte seine Leute zu den ebenfalls mit der bayerischen Herrschaft unzufriedenen Egloffer Freien. Bewaffnete Aufständische rückten von Vorarlberg her allmählich weit ins Allgäu herein. Da und dort kam es gegenüber regulären Truppen zu wechselvollen Kampfhandlungen. In die Unruhen wurden auch die Schweiz, Baden und Württemberg hereingezogen, wie eben eine entzündete Körperstelle auch auf die Nachbarschaft hinüberwirkt. Die Bauernoffiziere verhehlten sich die zu Tage tretenden Schwierigkeiten der Unternehmung durchaus nicht: Es galt eine bunt zusammengewürfelte, zu nicht geringem Teil bloß mit Piken, Spießen und Morgensternen bewaffnete Schar im Zaume zu halten. Die Leute wurden immer wieder ermahnt zum Gehorsam gegen die Offiziere, zu anständigem Betragen in Feindesland, zur Vermeidung von Exzessen. Die Notwendigkeit den Freiheitskampf auf eine planmäßige Grundlage zu stellen, für Verpflegung und Unterkunft der in Bregenz massenhaft angesammelten oder durchmarschierenden Mannschaften zu sorgen verlangte weitblickende Maßnahmen. Deshalb wurde für den 5. 6. 1809 ein allgemeiner Landtag in Bregenz ausgeschrieben, auf dem von allerwärts Abgeordnete erschienen, auch vom Landgericht Weiler.

Auf dieser Tagung (im Gasthaus zur Krone) gelang es, die Vertreter der Landgerichte Bregenzerwald und Weiler, die nicht ungern die Waffen niedergelegt hätten, zur Aufgabe ihres Sonderstandpunktes zu bewegen. Von damals ins Feld gestellten 3200 Mann stammten 124 aus Altenburg und Kelhöf, 168 aus Simmerberg, 77 aus Hohenegg, 131 aus Grünenbach. [Damit sind die ehemaligen Gerichte gemeint. Das ehemalige Gericht Simmerberg umfasste z.B. Gebiete die von Simmerberg, über Heimenkirch, Opfenbach bis Niederstaufen reichten]

Zwischen Bayern und Württemberg kam es 1809 wiederholt zu erregtem Depeschenwechsel. Es wurde bayerischerseits Klage geführt, dass die gefangenen Vorarlberger statt den bayerischen Gerichten übergeben zu werden, in württembergische Festungen abgeführt würden, sodann auch über württembergische Versuche mit den Aufständischen anzuknüpfen. Böten die Aufständischen Verhandlungen an, so seien ausschließlich Bayerns Behörden befugt, sie aufzunehmen und durchzuführen.

 

 

Inzwischen wurde unter Kanonengebrüll auf dem mörderischen Kriegstheater Europas weitergespielt. Auf dem Schlachtfeld von Wagram am 5. - 6. 7. 1809 stellte Napoleon seine bei Aspern erschütterte Waffenehre wieder her. Und am 12. 7. 1809 schloss Erzherzog Karl den Waffenstillstand von Znaim, der die österreichischen Truppen ohne Verzug zur Räumung Tirols und Vorarlbergs verpflichtete. Der Kaiser sträubte sich anfänglich gegen die Annahme des Waffenstillstandes, weil in Widerspruch zu seiner Wolkersdorfer Proklamation stehend, willigte aber dann auf Zuspruch ein. Ein förmlicher Friedensschluss sollte noch hingehalten werden, da man östreichischerseits den Glauben an die Fortsetzungsmöglichkeit des Kampfes nicht aufgab.

Die Kunde von dem Waffenstillstand war bald auch nach Vorarlberg gedrungen. Die veränderte Sachlage lässt ein Aufruf des Grafen Reisach, Leiters des Illerkreises erkennen: "Vorarlberg, einst die Wiege deutscher Treue, ist jetzt das abschreckende Beispiel eines treulosen Räubervolkes. Noch vor wenigen Monaten hätte ich mich glücklich geschätzt, in Eurer Mitte als der erste Beamte des Königs zu erscheinen, jetzt kann ich nur jene boshaften Menschen, die Euch durch ihre trugvollen Vorspiegelungen zum Aufstande reizten und noch immer in demselben bestärken, verabscheuen, Euch aber, die Ihr so blindlings ihre verderblichen Ratschlägebefolgtet, bedauern. ... Ihr habt keine Wahl. Nur eine augenblickliche unbedingte Unterwerfung kann Euch vor dem grenzenlosen Verderben retten, dem Ihr sonst nicht mehr zu entgehen vermögt. ... Vorarlberger, hört die letzte warnende Stimme! Noch ein Moment und Euer Schicksal ist von Euch selbst entschieden." Natürlich blieben die wohlgemeinten Mahnworte nicht ohne riefen Eindruck.

Doch trafen dann von Hormayr aus Innsbruck entsandte Kuriere mit günstigeren Nachrichten vom östl. Kriegsschauplatze ein und die hartstirnigen Bauern, die in jeder Unglücksbotschaft eine Finte des Feindes witterten und nichts vom Frieden wissen wollten, behielten die Waffen in der Hand, bis immer neue Meldungen von der Niederlage bei Wagram eintrafen. Der weitblickende Oberführer Dr. Anton Schneider hatte keine leichte Aufgabe, wenn er mit Friedensvorschlägen vor das Volk treten wollte. In erschreckender Weise enthüllte eine vorläufige Abstimmung den Friedenfreunden, auf welchem Vulkan man immer noch stand. "Lieber Gut und Blut verlieren als die Waffen niederlegen und dem Kaiser abtrünnig werden." Das war die unentwegte Losung eines großen Bevölkerungsteils. Nur langsam griff eine nüchternere Erwägung der Dinge Platz. Im Hinblick auf die Tatsache, dass Wien immer noch keine amtliche Mitteilung von dem geschlossenen Waffenstillstand hatte nach Vorarlberg kommen lassen, auch das Militär nicht abberief, schickte Dr. Schneider an den Stadtkommandanten von Lindau ein Schreiben, worin er die Stimmung des Volkes beleuchtete und versicherte, weiteres Blutvergießen vermeiden zu wollen. Er erbat und erhielt entsprechende Aufklärungen.

Trotz der nun mit unbarmherziger Klarheit vorliegenden Tatsachen gab es in Bregenz noch manch stürmische Versammlungen. Ein zweites väterliches Schreiben des Grafen Reisach, das königliche Gnade und Verzeihung denen verhieß, die sich unterwarfen, Tod und Verderben den Anführern androhte, die noch länger die Waffen gegen ihren rechtmäßigen König und Herrn gebrauchten, erweiterte die Kluft des in zwei Lager gespalteten Volkes: Hier Verzagtheit, dort Berserkerwut. Schließlich wandte sich Schneider an den Wiener Hof, um zu erfahren, ob das Volk, das aus eigener Kraft die Fremdherrschaft abgeschüttelt habe und imstande sei, die Freiheit noch eine Zeit lang zu behaupten, auf Unterstützung rechnen dürfe. Der Bote kam mit aufmunterndem Bescheide heim. In dem Hin und Her der Beratungen erging es Schneider wie schon vielen verdienten Volksführern: Er verfiel dem Hass seiner politisch anders denkenden Landsleute, besonders der Bauernbevölkerung, so dass er für sein Leben fürchten musste.

Nach dem Gesetz der Überlegenheit der Kräfte musste die ganze Bewegung schließlich in sich zusammenbrechen wie die Bauernbewegung 1525. Bregenz wurde von Württembergern eingenommen. Zwei Bataillone wurden nach Weiler befohlen zur Entwaffnug dieses Landgerichts und des benachbarten Bregenzerwaldes. Waffen und Munition der Aufständischen wurden eingesammelt und unter Bedeckung nach Lindau verbracht. Durch eine außerordentliche Polizeikommission von Kempten, wurde die Entwaffnung auch in Bregenz durchgeführt, die Schlüssel zu den Glockentürmen abgefordert. Schneider wurde zunächst ausgeliefert, ohne jedoch besondere Verunglimpfung zu erfahren. Napoleon wollte ihn freilich vor ein Kriegsgericht stellen und erschießen lassen. Eine königliche Amnestiekundgebung vom 27. 7. 1809 sicherte allen Bewohnern des Illerkreises, die sich seit April des Hochverrats, der öffentlichen Ruhestörung, der öffentlichen Gewaltärigkeit schuldig gemacht hatten, Straflosigkeit zu, wenn sie bereits die Waffen niedergelegt hätten oder dies binnen 8 Tagen täten. Ein Zivilverhör förderte so zahlreiche Akte von Habsucht und Willkür höherer bayerischer Beamter ans Tageslicht, dass die Zentralbehörden sich gezwungen sahen, die Öffentlichkeit von den Verhandlungen auszuschließen. Graf Reisach meinte, Schneiders öffentliche Selbstverteidigung könne nur den Beweis liefern, dass bayerische Staatsdiener in Vorarlberg den Hass auf das höchste gespannt hätten und das vornehmlich darin die Ursache des Aufstandes zu suchen sei. Hartnäckig legte Schneider die Finger auf die Wunden seines Volkes: Ausbeutung Vorarlbergs, Konskription, Aufhebung der Stände.

Laut amtlichen Bericht an das Generalkommissariat Kempten wat zwar nach Wochen wieder Ruhe im Lande eingekehrt, doch die innere Gärung war noch nicht vorüber. In dem Bericht Reisachs war ja auch nicht unerwähnt geblieben, wie die Einquartierungs- und Steuerlast auf die Vorarlberger drücke, besonders in den verdienstlosen Zeiten, wie wenig vertrauenerweckend die Häufung der verordnungen wirke. Die Straflosigkeit habe die unzufriedenen Gemüter noch frecher gemacht.

Jedenfalls hatte der Aufstand keine nutzbaren Früchte eingetragen. Gescheitert war die Hoffnung, den Wiederanschluss an Österreich und damit die alten Freiheiten zu gewinnen. Der absolutistische Zentralismus Montgelas' blieb bestehen. Doch rang sich, nicht zuletzt infolge der freimütigen Anklagen Schneiders, in der bayer. Staatsbehörde die Erkenntnis durch, dass an Vorarlberg viel gesündigt worden sei. Generalkommissar v. Reisach deckte manches Übel auf: Unter Österreich sei Vorarlberg ein Sitz blühender Industrie gewesen, deren Erzeugnisse nach den österreichischen Erblanden abgeführt wurden. Jetzt habe die Fabrikation aufgehört. Tausende Menschen seien ohne Nahrung, ohne Geld. Zahlreiche Landeskinder seien gezwungen, in die Schweiz auszuwandern. Das Land, das den natürlichen Schlüssel zum Handel nach der Schweiz, nach Italien, nach dem mittleren Deutschland bilde, werde umklammert von verkehrshemmenden Mauten, es müsse zusehen, wie der Großhandel seine Straßen umgehe. Das Mautpersonal koste Bayern mehr Geld als seine Gehälter eintragen. Eine Deputation bat Reisach am 19. 12. 1809, dem König ihre Anliegen vorzutragen. Am 30. 3. 1810 erschienen Vorarlberger vor dem Throne selbst, um Verzeihung für die Fehltritte des verflossenen Jahres zu erlangen, aber auch um eine Untersuchung ihrer einschneidensten Beschwerden herbeizuführen. Den nicht allzubescheidenen Männern kam man bereitwillig entgegen. Doch blieb es beim guten Willen. Der neue Zolltarif vom 21. 10. 1810 und die von Napoleon verfügte Steigerung der Einfuhrgebühren für Baumwolle und farbhölzer - das sollte ein Schlag gegen England sein - brachte Vorarlbergs Baumwollindustrie vollends zur Strecke. Es wurde angeregt, durch Verarbeitung von Schafwolle eine neue Einnahmequelle zu schaffen. Allein die sorgenvollen Zeiten, ungewöhnliche Inanspruchnahme der bayerischen Finanzen ließen keine kräftige Förderung solcher Versuche zustande kommen, statt dessen war der Staat genötigt, die Steuerschraube noch empfindlicher anzuziehen.

Noch unter bayerischer Herrschaft machte Vorarlberg das gewaltige Völkerringen um die Befreiung Europas vom napoleonischen Joch mit. In den Landen deutscher Zunge war ein neuer geist erwacht, in Schmerzen geboren und erstarkt, der geist, den Fichte und Görres nährten. Am 8. 10. 1813 erklärte sich in dem berühmten Vertrage von Ried auch Bayern bereit, der großen Allianz gegen Frankreich beizutreten und unterstellte seine Feldarmee (mindestens 36 000 Mann) der obersten Kommandogewalt. Dagegen verbürgte Österreich in seinem wie der Verbündeten Namen dem bayerischen Staate seine volle Souveränität und seinen ganzen Besitzstand. Für etwa abzutretende Gebiete sollte Bayern volle Sachentschädigung erhalten. In einer königlichen Verordnung vom 14. 10. 1813 wurde Bayerns Übertritt vor dem In- und Ausland gerechtfertigt. Österreich hatte damals mit weitschauenden Blick den desten Willen geäußert, der seit mehr als 100 Jahren bald offen, bald heimlich zwischen München und Wien schwebende Kampf müsse so geschlichtet werden, dass Bayern als wirklicher Mittelstaat Frankreich nicht mehr nötig haben solle.

Im November und Dezember 1813 (s. Intelligenzbl. des Illerkreises 1813, XLVII, LI, LII) ergingen Aufrufe bezügl. der Landesbewaffnung, es erging ein eindringlicher Tagesbefehl an die Männer und Jünglinge Bayerns von der Hand des Kronprinzen Ludwig zur Stellung freiwilliger Jäger und Landhusaren. Ihnen wurde auch in Vorarlberg freiwillig Folge geleistet und in dem genannten Amtsblatt erscheinen denn auch immer wieder Verzeichnisse von Freiwilligen, die sich gemeldet hatten. Da und dort lassen Aufrufe allerdings auch durchblicken, dass die meldungen aus dem ktiegsmüden Volke zäh einliefen und manchmal ohne tatsächliche Verwirklichung blieben, Die Meldungen aus dem Landgericht Weiler stehen im Intelligenzbl. 1814 II mit Namen.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig, wo endlich, wie Frhr. v. Stein schreibt, die mit dem Blute und den Tränen so vieler Tausender begründete Tyrannei zu Boden geworfen wurde, drangen die verbündeten Heere in Frankreich ein. Die drei Schlachten an der Aube: bei Brienne, bei Bar, bei Arcis - hier hielt das bayerische Kontingent in mörderischen Kampfe 12 Stunden geggen vierfache feindliche Übermacht aus - kennzeichnen ihren blutigen Weg. Am 31. März 1814 wurde die französische Hauptstadt übergeben. Am 10. April entsagte Napoleon der französischen Krone und am 30. Mai wurde nach Restauration der Bourbonen-Dynastie mit Ludwig XVIII. der erste Pariser Friede geschlossen.

Fortsetzung auf Seite 38

letzte Seite
   
© Copyright 2012   bayernsammler